Wegbereiter der Aussöhnung
von Klaus Huwe / Rheinischer Merkur 27.02.1998

Drei grob behauene Holzkisten zum Abtransport der Leichen, fünf morsche Holzpfähle, von den Kugeln des Hinrichtungskommandos durchsiebt, kaum mehr leserliche Botschaften, eingeritzt in das verblassende Blau der Wände - das ist das beklemmende Bild, das sich dem Besucher in der "Kapelle der zum Tode Verurteilten" auf dem Mont-Valerien im Westen von Paris bietet. Nicht weit entfernt erinnert auf einer Lichtung innerhalb der Festungsanlagen eine Bronzetafel daran, dass in der Zeit der deutschen Besatzung hier Tausende Franzosen und Ausländer den Tod gefunden haben - Widerstandskämpfer, Geiseln, Juden.

Hier im Fort auf dem Mont Valerien begannen am vergangenen Sonntag die Veranstaltungen zum 50. Todestag des deutschen Priesters Franz Stock (am 24. Februar 1948). Hier in der im Krieg von 1870/71 heftig umkämpften Festung hat Stocks Wirken die eindrucksvollsten Spuren hinterlassen.

Franz Stock, aus Neheim-Hüsten gebürtig, war vor dem Krieg Pfarrer der deutschen Gemeinde in Paris. In den Jahren 1940-1944 war er als Militärseelsorger für die Pariser Gefängnisse zuständig, und da zu den französichen politischen Gefangenen keine französischen Geistlichen kommen durften, nahm Stock sich ihrer an. Er hielt heimlich den Kontakt zwischen ihnen und ihren Familien aufrecht und stand denen bei, die auf dem Mont-Valerien vor das Hinrichtungskommando treten mussten. Einer vierstelligen Zahl von zum Tode Verurteilten hat Franz Stock, nicht in der vorgeschriebenen Uniform, sondern in der Soutane, in ihren letzten Minuten Trost gespendet, Katholiken, Protestanten, Gläubigen und Ungläubigen.

Als "Aumonier de l'enfer", als "Seelsorger der Hölle", haben Franzosen, die die Schrecken der Verfolgung überlebten, den deutschen Priester gerühmt. In der Einsamkeit der Gefängniszellen gelang es ihm, Hass abzubauen und Zeugnis dafür zu geben, dass die Schergen von SS und Gestapo nicht das ganze deutsche Volk verkörperten.

In der Gedenkmesse in der dem Mont-Valerien benachbarten Kirche Notre-Dame de la Paix wurde der vor 50 Jahren gestorbene Priester als "Apostel der Nächstenliebe und Botschafter des Friedens" gewürdigt.

Wenn Bundeskanzler Helmut Kohl am 1. März in der Kathedrale von Chartres an einem von Kardinal Lustiger und Bischof Karl Lehmann gefeierten Pontifikalamt teilnimmt, kommt das einer offiziellen Anerkennung der Rolle gleich, die Franz Stock in düsterer Zeit als Wegbereiter der deutsch-französischen Aussöhnung gespielt hat.

Auch in Chartres hat Abbé Stock unauslöschliche Spuren hinterlassen. Er begab sich nach der Befreiung von Paris und dem Abzug der deutschen Truppen freiwillig in Gefangenschaft. Im Lager La Coudray baute er das sogenannte "Stacheldrahtseminar" auf, in dem sich Hunderte von kriegsgefangenen deutschen Theologen auf den späteren Priesterberuf vorbereiteten.

In der Kirche Saint-Jean-Baptiste im Vorort Rechevres, die mit der Hilfe ehemaliger Studenten des "Stacheldrahtseminars" errichtet wurde, hat Franz Stock im Juni 1963 seine letzte Ruhestätte gefunden - am Vorabend der Ratifizierung des von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle unterzeichneten Freundschaftsvertrages durch die französische Nationalversammlung. Helmut Kohl wird am neugestalteten Grab Franz Stocks einen Kranz niederlegen, bevor er sich in die Kathedrale begibt. Verdiente Ehrung für einen Mann, von dem der damalige Nuntius Roncalli, der spätere Papst Johannes XXIII., sagte: "Franz Stock, das ist kein Name, das ist ein Programm."