Jacques DelorsJacques Delors
Präsident der EG-Kommission (1985 bis 1995)
Ansprache vom 17. Juni 2013

 

Am 17. Juni 2013 wurde eine Reisegruppe des Franz-Stock-Komitees in der Pfarrkirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas in Paris von Mitgliedern der Les Amis de Franz Stock und Jacques Delors und Ehefrau begrüßt. Delors war von 1985 bis 1995 Präsident der EG-Kommission und gilt als einflussreicher Europa-Politiker. Die Reisegruppe nahm in den Tagen zuvor an den Veranstaltungen zum 50. Jahrestag der Umbettung von Franz Stock teil.

Rede von Herrn Delors, ehemaligem Präsidenten der Europäischen Kommission:

Liebe Freunde,

als Angehöriger der christlichen Gemeinde Saint Jacques du Haut-Pas und als jemand, der seit bald 60 Jahren an der Gestaltung des deutsch-französichen Verhältnisses mitgewirkt hat, möchte ich meine Freude darüber äuβern, dass ich deutsche Freunde aus allen Generationen sehe, die innig verbunden die Erinnerung an Abbé Franz Stock pflegen.

Unsere Erinnerung ist von den vergangenen Tragödien, von den Greueltaten des letzten Weltkrieges genährt, aber ohne Erinnerung kann man die Zukunft nicht aufbauen.

Diese Erinnerung muss man also pflegen durch Gedenkfeiern, durch die notwendige Mitarbeit Deutschlands und Frankreichs auf europäischer Ebene, durch Zusammentreffen zwischen Deutschland und Frankreich, sowie durch Städtepartnerschaften und Studentenaustausch.

Kurz, man muss immer wieder darauf achten, wenn man nicht, wie man es ab und zu in den Zeitungen lesen kann, den Graben zwischen Franzosen und Deutschen wieder vertiefen will.

Aber es gibt Ereignisse, wo das Zeitliche sich mit dem Geistlichen trifft auf eine Art schöner Synthese. Ich möchte nur zwei erwähnen. Zuerst Robert Schumanns Aufruf im Mai 1950, ein Aufruf zur Verzeihung und zum Versprechen, ein Aufruf, den Kanzler Adenauer gehört und auf den er positiv geantwortet hat. So begann das schöne deutsch-französische Abenteuer.

Und ich möchte das Zeugnis von Abbé Franz Stock anführen. Abbé Stock wurde in dramatischen Situationen versetzt, wo er vor seiner Pflicht zögern und Gewissenskonflikte haben konnte. Er sah Tod, Leid und Tragödie. Aber er hat als Gottesmann reagiert, und als Gottesmann ist es ihm gelungen, Herausforderungen anzunehmen und aus seinem Leben ein Vorbild für uns alle zu machen. Er hat dies unter tragischen Umständen getan, in den furchtbarsten Zeiten, aber wenn wir heute die Erinnerung an ihn hoch halten, dann liegt das auch daran, dass hier der Gottesmann gesprochen hat, jenseits von unseren Irrungen und Wirrungen.

Selbstverständlich ist das deutsch-französische Verhältnis nicht immer leicht. Wie ich gesagt habe, gieβen die Medien Öl auf Feuer. Aber wenn wir davon tief überzeugt sind, dass die deutsch-französische Freundschaft erfreulich ist und unter allen Gesichtspunkten notwendig ist, da müssen wir an der Basis – wenn auch die Machthaber, die Verantwortlichen einige Schwierigkeiten haben, sich zu verständigen - diese Freundschaft pflegen und Hoffnung hegen. Ich danke Ihnen.

Übersetzung: Maryvonne Godard und Renate Guérend


In der Pfarrkirche Saint-Jacques-du-Haut-Pas fand 1948 die Totenfeier für Franz Stock statt. Nuntius Roncalli nahm an dieser Stelle die Aussegnung des Toten vor und sagte dabei: „Abbé Franz Stock – er ist nicht nur ein Name – er ist ein Programm!“ Eine Aussage, die er als Papst Johannes XXIII. am 20. Juni 1962 wiederholte.